Detlev Fleischhammel

Der Dienst der Diakone in der Gemeinde

Wie die Auswertung der Konkordanz zeigt (siehe Tabelle), haben die Begriffe "dienen", "Dienst" und "Diener " im NT ein großes Bedeutungsspektrum. Das griechische Verb diakonein (diakonein = dienen) hatte ursprünglich den ganz praktischen Sinn "zu Tische dienen " wie in Mt. 8, 15/ Lk. 10, 40/ 12,37 usw. Im NT kann es sich jedoch auch auf sogenannte "geistliche" Dinge beziehen wie den Dienst der Apostel (2. Kor. 3, 3) oder der Propheten (1. Pt. 1, 2). Ähnlich verhält es sich bei den beiden dazugehörigen Substantiven (Hauptwörtern). Diese Begriffsgruppe bezog sich nämlich im weiteren Sinn auch ganz allgemein auf alles, was man für andere aus Liebe tut (siehe Gerhard Kittel, Theological Dictionary of the New Testament, II/87).

Maßgeblich für die Frage, worin der Dienst der neutestamentlichen Diakone konkret bestand, sollten vor allem der Bericht über ihre erste Einsetzung in Apg. 6 und die Liste der Voraussetzungen in 1. Tim. 3 sein.

In Apg. 6 bestand die Notwendigkeit, die Versorgung der Witwen in der Jerusalemer Gemeinde besser zu organisieren. Die Apostel als Leiter der Gemeinde wollten diese Aufgabe nicht übernehmen, um genügend Zeit für ihre geistlichen Dienste zu haben; deshalb wurden Diakone eingesetzt zur Entlastung der Apostel. Apg. 6 unterscheidet sehr deutlich zwischen

- Wort Gottes und Tischdienst (V. 2)
- Tischdienst (V. 2) und Verkündigungsdienst (V. 4).

Die Aufgabe der Diakone in Jerusalem war also eindeutig praktisch-sozialer Art. Daran ändert auch die Tatsache nichts, daß Stephanus in Apg. 7 lehrte und Philippus in Apg. 8 als Evangelist tätig war (vgl. die Bezeichnung in K. 21, 8!).

Beide taten dies nämlich nicht in ihrer Eigenschaft als Diakone. Der Anlaß der Rede des Stephanus war ja die Anklage der Ältesten und Schriftgelehrten; und daß er angeblich "Worte gegen die heilige Stätte und das Gesetz" geredet hatte (Apg. 6, 13), ist kein schlüssiger Beweis für einen Verkündigungsdienst, denn dies konnte genausogut auch in persönlichen Gesprächen geschehen sein. Und Philippus wurde erst dann als Evangelist tätig, als die Gemeinde in Jerusalem infolge einer Christenverfolgung vorübergehend fast nicht mehr existierte (Apg. 8, 3 - 4) und so sein Dienst als Diakon zumindest vorerst nicht mehr benötigt wurde. Seine Missionstätigkeit in Samaria war also nicht Teil seines Diakonendienstes, sondern eine ganz neue Aufgabe infolge der veränderten Situation.

Daß die Aufgabe der Diakone nicht unwichtig ist, zeigen die anspruchsvollen Auswahlkriterien in Apg. 6, 3:

- gutes Zeugnis
- voll Geist und Weisheit

Dennoch zeigen die charakterlichen Anforderungen, die nach 1. Tim. 3, 1ff an Älteste und Diakone gestellt werden sollen, deutliche Unterschiede zwischen diesen beiden Diensten:

Vers Älteste Vers Diakone

2

untadelig

8

ehrbar

2

Mann einer Frau    

2

nüchtern    

2

besonnen    

2

sittsam    

2

gastfrei    

2

lehrfähig    

3

kein Trinker

8

nicht vielem Wein ergeben

3

kein Schläger    

3

gütig    

3

nicht streitsüchtig    

3

nicht geldliebend

8

nicht schändlichem Gewinn nachgehend
4 - 5 der dem eigenen Haus gut vorsteht    

6

nicht ein Neubekehrter    

7

gutes Zeugnis von "draußen"    
   

8

nicht doppelzüngig
   

9

"die das Geheimnis des Glaubens in gutem Gewissen bewahren"

Drei der Voraussetzungen für den Dienst der Diakone sind mehr oder weniger mit denen der Ältesten identisch, zwei sind nur bei den Diakonen und zwölf nur bei den Ältesten erwähnt. An die Ältesten werden also eindeutig höhere Anforderungen gestellt, und größtenteils sind diese auch anders als bei den Diakonen. So fällt zum Beispiel auf, daß ein Ältester "lehrfähig" sein muß, ein Diakon jedoch nicht unbedingt.

Wenn die Diakone also andere Aufgaben haben als die der Ältesten, dann sollen sie sich also offenkundig nicht in erster Linie um die Leitung der Gemeinde, um Seelsorge und Verkündigung kümmern, sondern um praktische, mehr soziale Dinge.

So war es auch in der frühen Kirchengeschichte:

"In den ersten Jhd.en sind die Diakone die rechte Hand des Bischofs (...). Sie sind ihm untergeordnet. Sie helfen beim Gottesdienst; sie bringen im Auftrag des Bischofs die Opfergaben den Armen und Kranken; sie nehmen sich im Auftrag der Gemeinde der Gäste und Fremdlinge an; sie sorgen für die Bestattung der etwa ans Land gespülten heimatlosen Toten. ... Manche unter ihnen wurden zu Bischöfen gewählt. Ohne Diakonen ist wohl keine Gemeinde gewesen."
Die Religion in Geschichte und Gegenwart , 2. Auflage 1927, I/1905

(Hier fällt nebenbei auf, daß schon in früher Zeit entgegen biblischer Lehre der Bischof nicht mehr einer von mehreren Gemeindeältesten war, sondern eine Art "Kirchenfürst", der über mehrere Gemeinden herrschte.)

Die Diakone in Apg. 6 waren alle Männer. Ob es auch weibliche Diakone gegeben hat, läßt sich nicht mit Sicherheit sagen. 1. Tim. 3, 8 könnte sich auf Diakoninnen beziehen, meint aber vermutlich eher die Ehefrauen der Diakone. In Röm. 16, 1 erwähnt Paulus eine Schwester Phöbe und nennt sie "eine Dienerin (wtl.: Diakon) der Gemeinde in Kenchreä", sagt aber nichts über die Art ihres Dienstes. Einerseits gibt es also keine eindeutigen Hinweise auf weibliche Diakone im engeren Sinne, andererseits jedoch spricht sich das NT auch nirgends gegen einen solchen Dienst von Frauen aus (im Gegensatz zum Leitungs- und Verkündigungsdienst!).

Schon im Mittelalter gab es keine Diakone im biblischen Sinn mehr in der Kirche. Der Diakon war nur noch eine Stufe im Werdegang des Priesters. In der Reformationszeit wurde dieser Dienst wiederentdeckt und wiedererweckt, jedoch nur vorübergehend. Erst im 19. Jh. erkannte ein Johann Heinrich Wichern (1833: Gründung des "Rauhen Hauses" in Hamburg) die Wichtigkeit dieser Aufgabe neu; allerdings war der Dienst der Diakone, die er ausbildete und aussandte, nicht in Ortsgemeinden eingebunden, sondern geschah im Rahmen von Institutionen wie Gefängnissen, "Rettungsanstalten" usw. und in der Mission.

Im englischsprachigen Raum werden übrigens die Verantwortlichen von Ortsgemeinden oftmals nicht "Älteste" (elders) genannt, sondern "Diakone" (deacons).

In den Baptistengemeinden in Deutschland gibt es auch heute noch Diakone. Sie bilden zusammen mit den Ältesten den "Vorstand" der Gemeinde, haben jedoch weniger Autorität und im Prinzip mehr soziale Aufgaben.

Schlußfolgerung

Es wird sicherlich für unsere Gemeinden ein Segen sein, wenn wir auch in diesem Punkt dem Vorbild und den Anweisungen des Neuen Testaments folgen und uns nach Brüdern umsehen, die den Anforderungen dieses Dienstes entsprechen und die durch ihren Einsatz die Ältesten von praktischen und sozialen Aufgaben entla sten können. Der Dienst der Diakone muß sich nicht absolut auf diesen Bereich beschränken, sollte jedoch eindeutig den Schwerpunkt darauf legen und nicht auf die "geistlichen" Dienste wie Verkündigung, Seelsorge und Leitung der Gemeinde. Auch Frauen dürfen als Diakone eingesetzt werden, allerdings sollte die überwie gende Mehrzahl der Diakone nach biblischem Vorbild aus Männern bestehen.